Kommentar zu Art. 370 StPO

Ein Kom­men­tar von Deni­se Weingart

Her­aus­ge­ge­ben von Son­ja Koch

Zitier­vor­schlag

Deni­se Wein­gart, Kom­men­tar zu Art. 370 StPO, in: Son­ja Koch (Hrsg.), Online­kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, https://onlinekommentar.ch/stpo370/, 1. Aufl., N. XXX zu Art. 370 StPO (besucht am XXX). 

Kurz­zi­tat: OK-Wein­gart, N. XXX zu Art. 370 StPO.

Art. 370 StPO Neu­es Urteil

1 Das Gericht fällt ein neu­es Urteil. Dage­gen kön­nen die übli­chen Rechts­mit­tel ergrif­fen werden.

2 Mit der Rechts­kraft des neu­en Urteils fal­len das Abwe­sen­heits­ur­teil, die dage­gen ergrif­fe­nen Rechts­mit­tel und die im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren bereits ergan­ge­nen Ent­schei­de dahin.

Art. 370 CPP Nou­veau jugement

1 Le tri­bu­nal rend un nou­veau juge­ment. Celui-ci peut être atta­qué par les voies de recours usuelles.

2 Lors­que le nou­veau juge­ment ent­re en for­ce, le juge­ment ren­du par défaut, les recours inter­je­tés cont­re celui-ci et les pro­non­cés déjà ren­dus dans la pro­cé­du­re de recours devi­en­nent caducs.

Art. 370 CPP Nuo­va sentenza

1 Il giu­di­ce pro­nun­cia una nuo­va sen­ten­za. Ques­ta può esse­re impug­na­ta medi­an­te i rime­di giuri­di­ci usuali.

2 Quan­do la nuo­va sen­ten­za pas­sa in giu­di­ca­to, la sen­ten­za con­tu­macia­le, i rime­di giuri­di­ci inter­pos­ti e le decisio­ni già emes­se nel­la pro­ce­du­ra di ricor­so decadono.

Art. 370 CrimPC New judgment

1 The court shall issue a new judgment, which is sub­ject to the cus­to­ma­ry rights of appeal.

2 When the new judgment beco­mes legal­ly bin­ding, the judgment in absen­tia, and appeal against the same and decisi­ons alrea­dy taken in the appel­la­te pro­cee­dings beco­me void.


I. Neues Urteil (Abs. 1)

1 Gemäss Art. 370 StPO fällt das Gericht, wenn in Anwen­dung von Art. 369 StPO die Vor­aus­set­zun­gen für eine neue Beur­tei­lung erfüllt sind und eine neue Haupt­ver­hand­lung durch­ge­führt wur­de, ein neu­es Urteil. Da anläss­lich der drit­ten Haupt­ver­hand­lung die Ver­fah­rens­rech­te der beschul­dig­ten Per­son auf­grund deren Anwe­sen­heit voll­um­fäng­lich gewahrt wer­den konn­ten, ergeht im Rah­men von Art. 369/370 StPO kein Abwe­sen­heits­ur­teil, son­dern ein «gewöhn­li­ches» Urteil nach Art. 348 ff. StPO. Die­ses neue Urteil kann sei­ner­seits mit den ordent­li­chen Rechts­mit­teln nach StPO ange­foch­ten wer­den (Art. 370 Abs. 1 StPO). Die beschwer­ten Par­tei­en kön­nen im Rah­men die­ser Rechts­mit­tel ins­be­son­de­re rügen, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine neue Beur­tei­lung nicht gege­ben waren.[1] Sofern es sich beim neu­en Urteil um ein rei­nes Pro­zes­s­ur­teil han­delt, bspw. um eine Ein­stel­lung nach Art. 329 Abs. 4 StPO auf­grund der inzwi­schen ein­ge­tre­te­nen Ver­jäh­rung, ist die Beschwer­de denk­bar.[2]

II. Wirkung des neuen Urteils (Abs. 2)

2 Das neue Urteil wird gemäss den Vor­aus­set­zun­gen von Art. 437 StPO rechts­kräf­tig.[3] Wesent­lich ist, dass das Abwe­sen­heits­ur­teil nicht bereits mit der Bewil­li­gung des neu­en Ver­fah­rens oder der Eröff­nung der neu­en Haupt­ver­hand­lung dahin­fällt, son­dern erst dann, wenn ein rechts­kräf­ti­ges neu­es Urteil nach Art. 370 StPO vor­liegt.[4] Das ursprüng­li­che Kon­tu­ma­zi­al­ur­teil wird durch das neue Urteil ersetzt.[5]

3 Wenn das frü­he­re Abwe­sen­heits­ur­teil dahin­fällt, das Ver­fah­ren sich mit­hin so dar­stellt, als wäre es nie ergan­gen, muss die zwi­schen den bei­den Urtei­len ver­stri­che­ne Zeit bei der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung nach Art. 97 StGB berück­sich­tigt wer­den: Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung wei­ter­ge­lau­fen ist, wie wenn das Abwe­sen­heits­ur­teil nie bestan­den hät­te.[6]. Mit die­sem Grund­satz­ur­teil vom 28. Okto­ber 2019 hat das Bun­des­ge­richt eine Ände­rung sei­ner Recht­spre­chung zur Unter­bre­chungs­wir­kung der Strafverfolgungs­verjährung nach Art. 97 Abs. 3 StGB vor­ge­nom­men. Es kann folg­lich sein, dass die Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung seit Tat­be­ge­hung inzwi­schen ein­ge­tre­ten und das Ver­fah­ren auf­grund des­sen ein­zu­stel­len ist. Bei noch nicht abge­lau­fe­ner Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung kann das Gericht im neu­en Urteil den Zeit­ab­lauf seit der Tat­be­ge­hung bei der Straf­zu­mes­sung allen­falls straf­min­dernd berücksichtigen.

4 Mit der Rechts­kraft des neu­en Urteils fal­len eben­falls die gegen ein Abwe­sen­heits­ur­teil ergrif­fe­nen Rechts­mit­tel und die im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren bereits ergan­ge­nen Ent­schei­de dahin (Art. 370 Abs. 2 StPO).


[1] Schmid/Jositsch, Pra­xis­kom­men­tar, N. 2 zu Art. 370.

[2] BSK-Mau­rer, N. 1 zu Art. 370 StPO.

[3] SK-Sum­mers, N. 3 zu Art. 370 StPO.

[4] Schmid/Jositsch, Hand­buch, Rz. 1412.

[5] Bot­schaft, 1303; Urteil 1B_478/2021 vom 28. Sep­tem­ber 2021 E. 2.3.

[6] Urteil 6B_389/2019 vom 28. Okto­ber 2019 E. 3.4.5.

Literaturverzeichnis

Bot­schaft zur Ver­ein­heit­li­chung des Straf­pro­zess­rechts vom 21. Dezem­ber 2005, BBl 2006 1085 ff.

Mau­rer Tho­mas, in: Nig­gli Mar­cel Alexander/Heer Marianne/Wiprächtiger Hans (Hrsg.), Bas­ler Kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, 2. Aufl., Basel 2014.

Schmid Niklaus/Jositsch Dani­el, Hand­buch des schwei­ze­ri­schen Straf­pro­zess­rechts, 3. Aufl. Zürich/St.Gallen 2017 (zit. Handbuch).

Schmid Niklaus/Jositsch Dani­el, Pra­xis­kom­men­tar zur schwei­ze­ri­schen Straf­pro­zess­ord­nung, Dike Kom­men­tar, 3. Aufl. Zürich 2018 (zit. Praxiskommentar).

Sum­mers Sarah, in: Donatsch Andreas/Lieber Viktor/Summers Sarah/Wohlers Wolf­gang (Hrsg.), Kom­men­tar zur Schwei­ze­ri­schen Straf­pro­zess­ord­nung, 3. Aufl., Zürich 2020.

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