Kommentar zu Art. 368 StPO

Ein Kom­men­tar von Deni­se Weingart

Her­aus­ge­ge­ben von Son­ja Koch

Zitier­vor­schlag

Deni­se Wein­gart, Kom­men­tar zu Art. 368 StPO, in: Son­ja Koch (Hrsg.), Online­kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, https://onlinekommentar.ch/stpo368/, 1. Aufl., N. XXX zu Art. 368 StPO (besucht am XXX). 

Kurz­zi­tat: OK-Wein­gart, N. XXX zu Art. 368 StPO.

Art. 368 StPO Neu­es Urteil

1 Kann das Abwe­sen­heits­ur­teil per­sön­lich zuge­stellt wer­den, so wird die ver­ur­teil­te Per­son dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass sie innert 10 Tagen beim Gericht, wel­ches das Urteil gefällt hat, schrift­lich oder münd­lich eine neue Beur­tei­lung ver­lan­gen kann.

2 Im Gesuch hat die ver­ur­teil­te Per­son kurz zu begrün­den, wes­halb sie an der Haupt­ver­hand­lung nicht teil­neh­men konnte.

3 Das Gericht lehnt das Gesuch ab, wenn die ver­ur­teil­te Per­son ord­nungs­ge­mäss vor­ge­la­den wor­den, aber der Haupt­ver­hand­lung unent­schul­digt fern­ge­blie­ben ist.

Art. 368 CPP Deman­de de nou­veau jugement

1 Si le juge­ment ren­du par défaut peut être noti­fié per­son­nel­lement au con­dam­né, celui-ci doit être infor­mé sur son droit de deman­der un nou­veau juge­ment au tri­bu­nal dans les dix jours, par écrit ou oralement.

2 Dans sa deman­de, le con­dam­né expo­se briè­ve­ment les rai­sons qui l’ont empê­ché de par­ti­ci­per aux débats.

3 Le tri­bu­nal rejet­te la deman­de lors­que le con­dam­né, dûment cité, fait défaut aux débats sans excu­se valable.

Art. 368 CPP Istan­za di nuo­vo giudizio

1 Se la sen­ten­za con­tu­macia­le può esse­re noti­fi­ca­ta per­so­nalm­en­te, il cond­an­na­to è reso atten­to al fat­to che, ent­ro die­ci gior­ni, può pre­sen­ta­re per scritto od oralm­en­te istan­za di nuo­vo giudi­zio al giu­di­ce che ha pro­nun­cia­to la sentenza.

2 Nell’istanza, il cond­an­na­to deve moti­va­re suc­cin­ta­men­te il fat­to di non aver potu­to par­te­ci­pa­re al dibattimento.

3 Il giu­di­ce respin­ge l’istanza qualo­ra il cond­an­na­to, pur essen­do sta­to regolarmen­te cita­to, ingiu­sti­fi­ca­ta­men­te non sia com­par­so al dibattimento.

Art. 368 CrimPC App­li­ca­ti­on for a re-assessment

1 If it is pos­si­ble to ser­ve the judgment in absen­tia per­so­nal­ly, the per­son con­vic­ted shall be noti­fied that he or she has 10 days to make a writ­ten or oral app­li­ca­ti­on to the court that issued the judgment for it to re-assess the case.

2 In the app­li­ca­ti­on, the per­son con­vic­ted must brief­ly exp­lain why he or she was unab­le to appe­ar at the main hearing.

3 The court shall reject the app­li­ca­ti­on if the per­son con­vic­ted was duly sum­mo­ned, but fai­led to appe­ar at the main hea­ring without excuse.


I. Allgemeines

1 Abwe­sen­heits­ver­fah­ren sind vor dem Hin­ter­grund von Art. 6 Ziff. 1 EMRK[1] nur dann zuläs­sig, sofern die ver­ur­teil­te Per­son nach­träg­lich (grund­sätz­lich auch nach Ein­tritt der Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung) ver­lan­gen kann, dass ein Gericht, nach­dem es sie zur Sache ange­hört hat, noch­mals über­prüft, ob die gegen sie erho­be­nen Beschul­di­gun­gen begrün­det sind.[2] Die­sem völ­ker­recht­li­chen Anspruch wird mit dem Rechts­be­helf der Neu­be­ur­tei­lung nach Art. 368 StPO aus­drück­lich Rech­nung getra­gen und eine nach­träg­li­che Beur­tei­lung des Abwe­sen­heits­ur­teils eröff­net. Mit die­ser Mög­lich­keit kön­nen die einem Abwe­sen­heits­ver­fah­ren inhä­ren­ten Ein­grif­fe in das Teil­nah­me- und Äus­se­rungs­recht kor­ri­giert bzw. abge­mil­dert wer­den.[3]

II. Persönlicher und sachlicher Anwendungsbereich

2 Der Rechts­be­helf der Neu­be­ur­tei­lung steht aus­drück­lich nur der im Abwe­sen­heits­ver­fah­ren ver­ur­teil­ten Per­son zu. Damit ist klar, dass weder die Staats­an­walt­schaft noch die Pri­vat­klä­ger­schaft eine neue Beur­tei­lung nach Art. 368 StPO ver­lan­gen kön­nen. Die Staats­an­walt­schaft bzw. die Pri­vat­klä­ger­schaft, die sich gegen ein in ihrer Abwe­sen­heit ergan­ge­nes Urteil weh­ren will, ist auf die ordent­li­chen Rechts­mit­tel der Beru­fung und der Beschwer­de zu verweisen.

3 In Bezug auf ein Urteil, das nicht im Abwe­sen­heits­ver­fah­ren ergan­gen ist, ist kei­ne Neu­be­ur­tei­lung nach Art. 368 ff. StPO mög­lich.[4] Wird das Abwe­sen­heits­ver­fah­ren wegen Feh­lens einer Pro­zess­vor­aus­set­zung gem. Art. 329 Abs. 4 StPO ein­ge­stellt, so kann der Abwe­sen­de eben­falls kei­ne Neu­be­ur­tei­lung ver­lan­gen, da es an der Vor­aus­set­zung einer Ver­ur­tei­lung fehlt.[5]

III. Gesuch um neue Beurteilung

A. Persönliche Zustellung des Urteils (Abs. 1)

4 Wird der Auf­ent­halts­ort der zwei­fach unent­schul­digt der Haupt­ver­hand­lung fern­ge­blie­be­nen beschul­dig­ten Per­son ermit­telt oder wird sie auf ande­re Wei­se gestellt, wird ihr das Dis­po­si­tiv des Abwe­sen­heits­ur­teils aus­ge­hän­digt. Dies kann noch Jah­re nach der Ver­ur­tei­lung der Fall sein.

5 Gleich­zei­tig mit der Aus­hän­di­gung des Urteils ist die ver­ur­teil­te Per­son auf die Mög­lich­keit hin­zu­wei­sen, dass sie innert 10 Tagen seit Erhalt eine neue Beur­tei­lung nach Art. 368 ff. StPO ver­lan­gen kann (Art. 368 Abs. 1 StPO). Pra­xis­ge­mäss wird die­ser Hin­weis als Rechts­mit­tel­be­leh­rung auf dem Urteil abge­druckt. Eben­so ist auf die Begrün­dungs­pflicht nach Abs. 2 sowie die allen­falls gege­be­ne Mög­lich­keit, nach Art. 371 Abs. 1 StPO par­al­lel die Beru­fung zu erklä­ren, auf­merk­sam zu machen.[6]

6 Das Gesetz ver­langt in Art. 368 Abs. 1 StPO aus­drück­lich eine per­sön­li­che Zustel­lung des Abwe­sen­heits­ur­teils, um die 10-tägi­ge Rechts­be­helfs­frist aus­zu­lö­sen. Die Bot­schaft geht davon aus, dass der Auf­ent­halts­ort der beschul­dig­ten Per­son ermit­telt wird oder die­se sonst wie gestellt wird und ihr dabei das Dis­po­si­tiv des Abwe­sen­heits­ur­teils aus­ge­hän­digt wer­den kann.[7] Dies ist bspw. dann der Fall, wenn eine ver­ur­teil­te Per­son zur Ver­haf­tung aus­ge­schrie­ben und auf­grund eines Haft­be­fehls fest­ge­nom­men wurde.

7 Die Aus­hän­di­gung erfolgt dabei an die ver­ur­teil­te Per­son per­sön­lich. Gemeint ist damit eine Über­ga­be von Hand zu Hand. Die Über­ga­be des Urteils an eine im glei­chen Haus­halt leben­de über sech­zehn­jäh­ri­ge Per­son gem. Art. 85 Abs. 3 StPO sowie die Anwen­dung der Zustell­fik­ti­on gem. Art. 85 Abs. 4 lit. a StPO löst die Frist nach Art. 368 Abs. 1 StPO dem­ge­gen­über nicht aus.[8] Es muss mit ande­ren Wor­ten gewähr­leis­tet sein, dass der Beschul­dig­te das Kon­tu­ma­zi­al­ur­teil tat­säch­lich in die Hand erhält und damit ein­her­ge­hend auch tat­säch­lich zur Kennt­nis nimmt. Eine Zustel­lung an die Ver­tei­di­gung oder an einen Domi­zil­trä­ger oder eine Urteils­pu­bli­ka­ti­on genügt eben­falls grund­sätz­lich nicht.[9] Nach der hier ver­tre­te­nen Ansicht kann jedoch aus­nahms­wei­se einer per­sön­li­chen Über­ga­be abge­se­hen wer­den, wenn die Ver­tei­di­gung mit der ver­ur­teil­ten Per­son in Kon­takt steht und aus­drück­lich bestä­ti­gen kann, dass die ver­ur­teil­te Per­son das in Abwe­sen­heit ergan­ge­ne Urteil und die Mög­lich­keit der Erhe­bung eines Rechts­be­helfs tat­säch­lich zur Kennt­nis genom­men hat, was aber ggf. mit den anwalt­li­chen Pflich­ten kol­li­die­ren kann, denn der Ver­ur­teil­te hat u.U. ein Inter­es­se dar­an, die Frist nicht aus­zu­lö­sen, z.B. um die Voll­stre­ckungs­ver­jäh­rung abzu­war­ten. Schwie­rig­kei­ten könn­te dabei auch die Fest­stel­lung des Zustel­lungs­zeit­punkts und damit der Frist­be­ginn bie­ten, wes­halb sinn­vol­ler­wei­se vom Beschul­dig­ten eine unter­zeich­ne­te Zustell­be­schei­ni­gung ein­zu­ho­len ist. Die dies­be­züg­li­che Beweis­last liegt beim Staat.

8 Solan­ge die per­sön­li­che Zustel­lung des Urteils nicht erfolgt ist und die Rechts­be­helfs­frist dadurch weder zu lau­fen begon­nen hat noch abge­lau­fen ist und auch solan­ge ein gestell­tes Gesuch um neue Beur­tei­lung nicht abge­wie­sen wur­de, bleibt die Rechts­kraft des Abwe­sen­heits­ur­teils reso­lu­tiv bedingt[10] und das Urteil ist (noch) nicht vollstreckbar.

B. Gesuch und Begründungsobliegenheit (Abs. 2)

9 Das Ver­fah­ren nach Art. 368 StPO bedarf eines schrift­li­chen oder münd­lich zu Pro­to­koll gege­be­nen Gesuchs der im Abwe­sen­heits­ver­fah­ren ver­ur­teil­ten Per­son. Das Gesuch ist innert 10 Tagen seit Kennt­nis­nah­me des Kon­tu­ma­zi­al­ur­teils beim ursprüng­lich urtei­len­den Gericht ein­zu­rei­chen. Im Gesuch um Neu­be­ur­tei­lung hat die ver­ur­teil­te Per­son kurz zu begrün­den, wes­halb sie an der Haupt­ver­hand­lung bzw. den Haupt­ver­hand­lun­gen nicht teil­ge­nom­men hat. Sie hat die­se Grün­de, die ihre Abwe­sen­heit recht­fer­ti­gen, glaub­haft vor­zu­brin­gen.[11] Vor­ge­brach­te Ent­schul­di­gungs­grün­de haben die Straf­be­hör­den zu prü­fen.[12] Fehlt eine Begrün­dung, ist der gesuch­stel­len­den Per­son vor­ab eine Nach­frist zu set­zen[13] und bei unbe­nutz­tem Ablauf der Nach­frist auf das Gesuch nicht ein­zu­tre­ten. Der Nicht­ein­tre­tens­ent­scheid erfolgt dabei mit­tels schrift­li­chen Ent­scheids in Form eines Beschlus­ses bzw. einer Ver­fü­gung (Art. 80 Abs. 1 StPO). Beschlüs­se und Ver­fü­gun­gen der erst­in­stanz­li­chen Gerich­te unter­lie­gen der Beschwer­de (Art. 393 Abs. 1 StPO).

10 Die gesetz­li­che Oblie­gen­heit zur Begrün­dung der Abwe­sen­heit durch die ver­ur­teil­te Per­son steht dabei im Ein­klang mit der kon­ven­ti­ons­recht­li­chen Recht­spre­chung und ver­letzt nicht etwa den Grund­satz von nemo ten­e­tur se ipsum accusa­re, wonach nie­mand gehal­ten ist, sich sel­ber zu belas­ten. Denn es gilt ganz all­ge­mein, dass Rechts­mit­tel und Rechts­be­hel­fe zu begrün­den sind,[14] ansons­ten nicht dar­auf ein­ge­tre­ten wird.

C. Ablehnungsgründe (Abs. 3)

11 Art. 368 Abs. 3 StPO regelt die Fra­ge, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen dem Gesuch um Neu­be­ur­tei­lung zu ent­spre­chen ist bzw. wann die­ses abzu­leh­nen ist. Dem­nach lehnt das Gericht das Gesuch ab, wenn die ver­ur­teil­te Per­son ord­nungs­ge­mäss vor­ge­la­den wur­de, der Haupt­ver­hand­lung aber unent­schul­digt fern­ge­blie­ben ist.

12 Der in den Art. 368 Abs. 3 StPO und Art. 369 Abs. 4 StPO ver­wen­de­te Begriff «unent­schul­digt» ist in bei­den Bestim­mun­gen gleich aus­zu­le­gen und stimmt mit dem­je­ni­gen nach Art. 366 StPO über­ein. Ver­langt ist ein schuld­haf­tes Fern­blei­ben.[15] Im Vor­der­grund ste­hen dabei Fäl­le, in denen sich Beschul­dig­te wei­gern, zur Haupt­ver­hand­lung zu erschei­nen. So bspw., wenn aus Äus­se­run­gen der beschul­dig­ten Per­son bekannt ist, dass sie nicht gedenkt, einer Vor­la­dung Fol­ge zu leis­ten. Wenn also die beschul­dig­te Per­son in Kennt­nis der Straf­ver­fol­gung in unmiss­ver­ständ­li­cher Wei­se auf die Teil­nah­me an der Haupt­ver­hand­lung ver­zich­tet oder für die Absicht, sich dem Straf­ver­fah­ren durch Flucht zu ent­zie­hen, ein­deu­ti­ge kon­kre­te Anhalts­punk­te vor­lie­gen, ist die Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens aus­ge­schlos­sen. Dies­falls hat die beschul­dig­te Per­son kla­rer­wei­se auf eine Teil­nah­me an der (ers­ten und zwei­ten) Haupt­ver­hand­lung ver­zich­tet.[16] Sie kann spä­ter nicht mehr dar­auf zurückkommen.

13 Die Beweis­last für das selbst­ver­schul­de­te Nicht­er­schei­nen liegt aller­dings – wie dies auch bei Säum­nis nach Art. 366 StPO der Fall ist – beim Staat.[17] Dass dem Beschul­dig­ten gemäss Strass­bur­ger Pra­xis nicht der Beweis der Schuld­lo­sig­keit auf­er­legt wer­den darf, bedeu­tet indes­sen nicht, dass im Ver­fah­ren betref­fend Gesuch um neue Beur­tei­lung nicht zu berück­sich­ti­gen ist, ob die gel­tend gemach­ten Grün­de die Abwe­sen­heit glaub­haft als unver­schul­det erschei­nen las­sen.[18] Sofern nicht nach­weis­bar ist, dass die beschul­dig­te Per­son der Haupt­ver­hand­lung unent­schul­digt fern­ge­blie­ben ist, ist das Gesuch um Neu­be­ur­tei­lung gut­zu­heis­sen.[19]

IV. Rechtsfolgen / Rechtskraftwirkung

14 Soweit das Gesuch um Neu­be­ur­tei­lung gut­ge­heis­sen und nach Mass­ga­be von Art. 369 f. StPO ein neu­es Urteil gefällt wird, fällt das Abwe­sen­heits­ur­teil dahin. Es gilt inso­fern auch ver­jäh­rungs­recht­lich nicht mehr als erst­in­stanz­li­ches Urteil.[20]

15 Lehnt das Gericht das Gesuch um neue Beur­tei­lung hin­ge­gen ab, fällt es gemäss Art. 80 Abs. 1 StPO einen for­mel­len Beschluss (Kol­le­gi­al­ge­richt) bzw. eine Ver­fü­gung (Ein­zel­ge­richt). Dage­gen ist nach den all­ge­mei­nen Bestim­mun­gen die Beschwer­de zuläs­sig (Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO). Das Abwe­sen­heits­ur­teil bleibt in die­sem Fall bestehen (Art. 369 Abs. 4 StPO). Das im Abwe­sen­heits­ver­fah­ren gefäll­te Urteil erwächst dies­falls nach den all­ge­mei­nen Regeln in Rechts­kraft (vgl. Art. 437 ff. StPO).

16 Wird gegen das Abwe­sen­heits­ur­teil innert der Rechts­mit­tel­frist, deren Aus­lö­sung – im Gegen­satz zur Rechts­be­helfs­frist – kei­ne per­sön­li­che Zustel­lung des Urteils bedingt, kein ordent­li­ches Rechts­mit­tel ergrif­fen, kann grund­sätz­lich von einem rechts­kräf­ti­gen Urteil gespro­chen wer­den. Indes han­delt es sich dabei um eine bloss reso­lu­tiv (auf­lö­send[21]) beding­te Rechts­kraft und das Urteil ist (noch) nicht voll­streck­bar. Die end­gül­ti­ge Rechts­kraft des Abwe­sen­heits­ur­teils tritt erst ein, wenn die ver­ur­teil­te Per­son nach per­sön­li­cher Zustel­lung des Urteils innert 10 Tagen kei­ne neue Beur­tei­lung i.S. von Art. 368 StPO ver­langt oder die Neu­be­ur­tei­lung durch das Gericht abge­lehnt wur­de.  Dies bedingt, dass der Auf­ent­halts­ort der beschul­dig­ten Per­son ermit­telt wer­den konn­te oder die­se sonst wie gestellt wur­de und ihr die Mög­lich­keit der Erhe­bung eines Rechts­be­helfs über­haupt zur Kennt­nis gebracht wer­den konnte.

17 Die bloss reso­lu­tiv beding­te Rechts­kraft gilt selbst dann, wenn das Gericht dem Gesuch um Neu­be­ur­tei­lung kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung im Sin­ne von Art. 369 Abs. 3 StPO gewährt.[22]

V. Verhältnis zu den ordentlichen Rechtsmitteln und anderen Rechtsbehelfen

A. Verhältnis zur Berufung

18 Der Gesetz­ge­ber wid­me­te dem Ver­hält­nis der Neu­be­ur­tei­lung zur Beru­fung eine eige­ne Geset­zes­norm. So ist in Art. 271 StPO fest­ge­schrie­ben, dass, solan­ge die Beru­fungs­frist noch läuft, die ver­ur­teil­te Per­son neben oder statt dem Gesuch um neue Beur­tei­lung auch die Beru­fung gegen das Abwe­sen­heits­ur­teil erklä­ren kann. Sie ist über die­se Mög­lich­keit im Sin­ne von Art. 368 Abs. 1 StPO zu infor­mie­ren. Auf eine Beru­fung wird nur ein­ge­tre­ten, wenn das Gesuch um neue Beur­tei­lung abge­lehnt wur­de.[23]

B. Verhältnis zur Beschwerde

19 Bei Ableh­nung des Gesuchs um neue Beur­tei­lung, wel­che in Form des Beschlus­ses bzw. der Ver­fü­gung ergeht, steht der im Abwe­sen­heits­ver­fah­ren ver­ur­teil­ten Per­son die Beschwer­de an die Rechts­mit­tel­in­stanz offen (Art. 393 Abs. 1 lit. b StPO).

20 Wur­de nach Gut­heis­sung des Gesuchs um Neu­be­ur­tei­lung eine wei­te­re (drit­te) Haupt­ver­hand­lung durch­ge­führt bei wel­cher die beschul­dig­te Per­son erneut unent­schul­digt fern­blieb, fällt ein wei­te­res Gesuch um neue Beur­tei­lung aus­ser Betracht. Gegen die gericht­li­che Fest­stel­lung nach Art. 369 Abs. 4 StPO, wonach das ursprüng­li­che Abwe­sen­heits­ur­teil gilt, kann die erneut säu­mig geblie­be­ne beschul­dig­te Per­son Beschwer­de erhe­ben mit der Begrün­dung, das Gericht habe zu Unrecht ein unent­schul­dig­tes Fern­blei­ben ange­nom­men.[24]

C. Verhältnis zur Wiederherstellung bei versäumten Terminen (Art. 94 Abs. 5 StPO)

21 Im Fal­le eines ergan­ge­nen Kon­tu­ma­zi­al­ur­teils gehen nach der hier ver­tre­te­nen Ansicht die Bestim­mun­gen von Art. 368 ff. StPO als lex spe­cia­lis den­je­ni­gen der Wie­der­her­stel­lung bei ver­säum­ten Ter­mi­nen nach Art. 94 StPO vor, was sich aus dem Vor­be­halt in Art. 94 Abs. 5 StPO zu Guns­ten der Bestim­mun­gen über das Abwe­sen­heits­ver­fah­ren ergibt.

22 Für die Wie­der­her­stel­lung hat die beschul­dig­te Per­son glaub­haft zu machen, dass sie an der Säum­nis kein Ver­schul­den trifft.[25] Dem­ge­gen­über trägt beim Gesuch um Neu­be­ur­tei­lung, wie oben bereits erwähnt wur­de, der Staat die Beweis­last für das Ver­schul­den des Nicht­er­schei­nens. Inso­fern ist das Vor­ge­hen nach Art. 368 ff. StPO für die beschul­dig­te Per­son stets das Güns­ti­ge­re.  

23 In Kon­stel­la­tio­nen, in denen Art. 368 ff. StPO nicht zur Anwen­dung gelan­gen kann, weil kein Abwe­sen­heits­ur­teil son­dern ein ordent­li­ches Urteil ergan­gen ist,[26] steht der säu­mi­gen beschul­dig­ten Per­son der Rechts­be­helf gemäss Art. 94 StPO zur Verfügung.

24 Eben­falls kann die Wie­der­her­stel­lung nach der hier ver­tre­te­nen Ansicht ver­langt wer­den, wenn die 10-tägi­ge Frist zur Erhe­bung des Rechts­be­helfs nach Art. 368 StPO bereits ver­stri­chen ist, die Frist von 30 Tagen zur Wie­der­her­stel­lung der Frist aber noch immer läuft.[27]


[1] Sie­he zu den ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken bei der Durch­füh­rung eines Abwe­sen­heits­ver­fah­rens N. 1 ff. zu Art. 366 StPO.

[2] Urtei­le des EGMR Mede­ni­ca v. Schweiz vom 14. Juni 2001, Ziff. 54; Krom­bach v. Frank­reich vom 13. Febru­ar 2001, Ziff. 85; Poi­tri­mol v. Frank­reich vom 23. Novem­ber 1993, Serie A Nr. 277‑A, Ziff. 31; Coloz­za v. Ita­ly vom 12. Febru­ar 1985, Serie A Bd. 89 Ziff. 29.

[3] Vgl. dazu BGE 126 I 36 E. Ia; BGE 127 I 213 E. 3.a; BGE 129 II 56 E. 6.2; Urteil des EGMR Coloz­za v. Ita­ly vom 12. Febru­ar 1985, Serie A Bd. 89 Ziff. 29; Urteil EGMR Mede­ni­ca v. Switz­er­land vom 14. Juni 2001, Ziff. 54.

[4] Sie­he zur Abgren­zung der Ver­fah­rens­ar­ten N. 33 ff. zu Art. 366 StPO.

[5] BSK-Mau­rer, N. 5 zu Art. 371 StPO.

[6] Schmid/Jositsch, Pra­xis­kom­men­tar, N. 3 zu Art. 368 StPO.

[7] Bot­schaft StPO, 1301.

[8] BSK-Mau­rer, N. 4 zu Art. 368 StPO.

[9] OFK-Rik­lin, N. 1 zu Art. 368 StPO m.w.H.; BSK-Mau­rer, N. 3 zu Art. 368 StPO m.w.H.

[10] Sie­he dazu unten N. 16 f.

[11] Urteil 6B_1175/2016 vom 24. März 2017 E. 9.3.

[12] Urteil 6B_203/2016 vom 14. Dezem­ber 2016 E. 2.2.2 zur Recht­spre­chung des EGMR.

[13] Bot­schaft, 1301.

[14] Urteil 6B_438/2017, 6B_439/2017 vom 24. August 2017 E. 4.3.

[15] Sie­he dazu aus­führ­lich die Kom­men­tie­rung zu Art. 366 StPO; dazu auch Urteil 6B_438/2017, 6B_439/2017 vom 24. August 2017 E. 4.3 und Urteil 6B_1175/2016 vom 24. März 2017 E. 9.3

[16] SK-Sum­mers, N. 6 zu Art. 366 StPO.

[17] Bot­schaft, 1301, wonach es der EMRK wider­spre­che, den Beweis für die Schuld­lo­sig­keit den Beschul­dig­ten auf­zu­er­le­gen, vgl. Urteil des EGMR Coloz­za v. Ita­ly vom 12. Febru­ar 1985, Serie A Bd. 89 Ziff. 29.

[18] Urtei­le 6B_1175/2016, 6B_1176/2016 vom 24. März 2017 E. 9.5.

[19] Bot­schaft, 1301.

[20] Urteil 6B_389/2019 vom 28. Okto­ber 2019.

[21] Bei der auf­schie­ben­den Bedin­gung wird die Wirk­sam­keit eines Rechts­ak­tes vom Ein­tritt eines zukünf­ti­gen unge­wis­sen Ereig­nis­ses abhän­gig gemacht. Kon­kret hängt die Gel­tung des Abwe­sen­heits­ur­teils davon ab, ob es nach­träg­lich durch ein neu­es Urteil ersetzt wird oder nicht.

[22] Urteil 1B_478/2021 vom 28. Sep­tem­ber 2021 E. 2.3.

[23] Vgl. aus­führ­lich die Kom­men­tie­rung zu Art. 371 StPO.

[24] Urtei­le 6B_438/2017, 6B_439/2017 vom 24. August 2017 E. 4.2.

[25] Vgl. Urtei­le 6B_1074/2015 vom 19. Novem­ber 2015 E. 3.1.2; 6B_968/2014 vom 24. Dezem­ber 2014 E. 1.3; 6B_125/2011 vom 7. Juli 2011 E. 1; je mit Hinweisen.

[26] So, wenn bspw. die beru­fungs­füh­ren­de beschul­dig­te Per­son nicht zur Beru­fungs­ver­hand­lung erscheint, sie aber durch ihre Ver­tei­di­gung ver­tre­ten wird und die Beru­fungs­ver­hand­lung somit den­noch als ordent­li­ches Ver­fah­ren durch­zu­füh­ren ist (sie­he dazu N. 45 zu Art. 366 StPO sowie Urteil 6B_1293/2018 vom 14. März 2019 E. 3.3.2.) oder, wenn sich der Beschul­dig­te von der Teil­nah­me an der Haupt­ver­hand­lung auf Gesuch hin dis­pen­sie­ren liess.

[27] Schmid/Jositsch, Hand­buch, Rz. 1416; a.A. BSK-Mau­rer, N. 7 zu Art. 371, wonach der Rechts­be­helf der Wie­der­her­stel­lung der Frist nicht zuläs­sig sein soll.

Literaturverzeichnis

Bot­schaft zur Ver­ein­heit­li­chung des Straf­pro­zess­rechts vom 21. Dezem­ber 2005, BBl 2006 1085 ff.

Mau­rer Tho­mas, in: Nig­gli Mar­cel Alexander/Heer Marianne/Wiprächtiger Hans (Hrsg.), Bas­ler Kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, 2. Aufl., Basel 2014.

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