Kommentar zu Art. 367 StPO

Ein Kom­men­tar von Deni­se Weingart

Her­aus­ge­ge­ben von Son­ja Koch

Zitier­vor­schlag

Deni­se Wein­gart, Kom­men­tar zu Art. 367 StPO, in: Son­ja Koch (Hrsg.), Online­kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, https://onlinekommentar.ch/stpo366/, 1. Aufl., N. XXX zu Art. 367 StPO (besucht am XXX). 

Kurz­zi­tat: OK-Wein­gart, N. XXX zu Art. 367 StPO.

Art. 367 StPO Durch­füh­rung und Entscheid

1 Die Par­tei­en und die Ver­tei­di­gung wer­den zum Par­tei­vor­trag zugelassen.

2 Das Gericht urteilt auf­grund der im Vor­ver­fah­ren und im Haupt­ver­fah­ren erho­be­nen Beweise.

3 Nach Abschluss der Par­tei­vor­trä­ge kann das Gericht ein Urteil fäl­len oder das Ver­fah­ren sis­tie­ren, bis die beschul­dig­te Per­son per­sön­lich vor Gericht erscheint.

4 Im Übri­gen rich­tet sich das Abwe­sen­heits­ver­fah­ren nach den Bestim­mun­gen über das erst­in­stanz­li­che Hauptverfahren.

Art. 367 CPP Exé­cu­ti­on et prononcé

1 Les par­ties et le défens­eur sont auto­ri­sés à plaider.

2 Le tri­bu­nal sta­tue sur la base des preu­ves admi­nis­trées durant la pro­cé­du­re pré­li­min­aire et lors des débats.

3 A l’issue des plai­doiries, le tri­bu­nal peut rend­re un juge­ment ou sus­pend­re la pro­cé­du­re jusqu’à ce que le pré­ve­nu com­pa­rais­se à la barre.

4 Au sur­plus, la pro­cé­du­re par défaut est régie par les dis­po­si­ti­ons app­li­ca­bles à la pro­cé­du­re de pre­miè­re instance.

Art. 367 CPP Svol­gi­men­to e decisione

1 Le par­ti e il difen­so­re sono ammes­si alla discussione.

2 Il giu­di­ce deci­de basan­do­si sul­le pro­ve rac­col­te nel­la pro­ce­du­ra preli­mi­na­re e in quel­la principale.

3 Con­clu­se le arring­he, il giu­di­ce può pro­nun­cia­re la sen­ten­za oppu­re sospen­de­re il pro­ce­di­men­to fin­t­an­to che l’imputato non com­pa­ia per­so­nalm­en­te in giudizio.

4 Per alt­ro, la pro­ce­du­ra con­tu­macia­le è ret­ta dal­le dis­po­si­zio­ni con­cer­nen­ti la pro­ce­du­ra dibat­ti­men­ta­le di pri­mo grado.

Art. 367 CrimPC Con­duct and decision

1 The par­ties and the defence shall be per­mit­ted to make par­ty submissions.

2 The court shall reach its judgment based on the evi­dence taken in the preli­mi­na­ry pro­cee­dings and the main proceedings.

3 On con­clu­si­on of the par­ty sub­mis­si­ons the court may issue a judgment or sus­pend the pro­cee­dings until the accu­sed appears in court in person.

4 Pro­cee­dings in absen­tia are other­wi­se gover­ned by the pro­vi­si­ons on the main pro­cee­dings in the first instance.


I. Allgemeines

1 Stellt das Gericht im ers­ten Ver­hand­lungs­ter­min ein unent­schul­dig­tes Nicht­er­schei­nen trotz ord­nungs­ge­mäs­ser Vor­la­dung der beschul­dig­ten Per­son fest, so setzt es einen zwei­ten Haupt­ver­hand­lungs­ter­min an. Bleibt die beschul­dig­te Per­son auch die­sem Ver­hand­lungs­ter­min unent­schul­digt fern, kann anläss­lich des zwei­ten Haupt­ver­hand­lungs­ter­mins das Abwe­sen­heits­ver­fah­ren durch­ge­führt wer­den. Art. 367 StPO wid­met sich den Moda­li­tä­ten der Durch­füh­rung des Abwe­sen­heits­ver­fah­rens anläss­lich die­ses zwei­ten Hauptverhandlungstermins.

II. Durchführung des Abwesenheitsverfahrens

A. Gewährung der Parteirechte (Abs. 1)

2 Die Ver­fah­rens­rech­te der Par­tei­en sind auch bei der Durch­füh­rung des Abwe­sen­heits­ver­fah­rens – wo immer mög­lich – zu gewähr­leis­ten. Eine wei­ter­ge­hen­de Schlech­ter­stel­lung der abwe­sen­den beschul­dig­ten Per­son wür­de nicht mehr den heu­ti­gen Vor­stel­lun­gen[1] sowie den inter­na­tio­na­len Ansprü­chen an ein fai­res Ver­fah­ren nach Art. 6 EMRK entsprechen.

3 Wird das Abwe­sen­heits­ver­fah­ren durch­ge­führt, so muss es dem unent­schul­digt abwe­sen­den Beschul­dig­ten mög­lich sein, durch die Ver­tei­di­gung Anträ­ge im Ver­fah­ren zu stel­len, was von Geset­zes wegen in Art. 367 Abs. 1 StPO durch Zulas­sung der Par­tei­en und der Ver­tei­di­gung zum Par­tei­vor­trag, garan­tiert wird. Sodann muss die beschul­dig­te Per­son die Mög­lich­keit haben, Akten­ein­sicht zu ver­lan­gen oder gegen pro­zess­lei­ten­de Ver­fah­rens­hand­lun­gen bzw. gegen das ver­fah­rens­ab­schlies­sen­de Urteil Rechts­mit­tel und/oder Rechts­be­hel­fe ergrei­fen zu können.

4 Das­sel­be gilt für die übri­gen Par­tei­en, deren Rech­te im Ver­fah­ren bei Abwe­sen­heit eben­falls soweit mög­lich zu gewähr­leis­ten sind. Dem Anspruch der Pri­vat­klä­ger­schaft auf (erneu­te) par­tei­öf­fent­li­che Befra­gung des Beschul­dig­ten anläss­lich der Haupt­ver­hand­lung bzw. auf Gewäh­rung des Fra­ge­rechts nach Art. 147 StPO, kann bei Abwe­sen­heit des Beschul­dig­ten natur­ge­mäss nicht ent­spro­chen wer­den. Sol­che Ein­schnit­te in die Pro­zess­rech­te der Par­tei­en sind durch die Abwe­sen­heit bedingt und im Rah­men des ver­fas­sungs­mäs­sig Zuläs­si­gen hinzunehmen.

B. Dem Urteil zugrundeliegende Beweismittel (Abs. 2)

5 Gemäss Art. 367 Abs. 2 StPO urteilt das Gericht auf­grund der im Vor­ver­fah­ren und im Haupt­ver­fah­ren erho­be­nen Bewei­se. Dabei kön­nen auch die nach Art. 332 Abs. 3 StPO erho­be­nen vor­ge­zo­ge­nen Beweis­erhe­bun­gen berück­sich­tigt wer­den.[2] Dem Gericht steht es in Anwen­dung der Unter­su­chungs­ma­xi­me sodann frei, anläss­lich der Haupt­ver­hand­lung noch zusätz­li­che Bewei­se zu erhe­ben, bspw. Zeu­gen, Aus­kunfts­per­so­nen oder sach­ver­stän­di­ge Per­so­nen zu befra­gen, Unter­la­gen zu edie­ren, Gut­ach­ten erstel­len zu las­sen etc. Ein Anspruch der Par­tei­en auf Durch­füh­rung eines Beweis­ver­fah­rens nach Art. 341 ff. StPO besteht jedoch nicht.[3]

6 Den­noch erscheint es ange­zeigt, dass das Gericht kei­nen rei­nen Akten­pro­zess führt, son­dern viel­mehr ein voll­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren mit Aus­nah­me der Ein­ver­nah­me der beschul­dig­ten Per­son durch­führt.[4] Denn bereits aus Art. 366 Abs. 4 lit. b StPO ergibt sich, dass für ein Urteil im Abwe­sen­heits­ver­fah­ren ein liqui­der Sach­ver­halt vor­lie­gen, er mit­hin spruch­reif sein muss. Mit ande­ren Wor­ten muss das Gericht in der Lage sein, gestützt auf die vor­han­de­nen Beweis­mit­tel ein Urteil zu fäl­len. Erlaubt die Akten- und die sich dar­aus erge­ben­de Beweis­la­ge eine Beur­tei­lung ohne Anwe­sen­heit der beschul­dig­ten Per­son nicht, ist die Ver­hand­lung abzu­bre­chen und zu einem neu­en Ter­min vor­zu­la­den oder das Ver­fah­ren zu sistieren.

C. Urteil im Abwesenheitsverfahren oder Sistierung (Abs. 3)

7 Das Gericht kann bei Vor­lie­gen sämt­li­cher Vor­aus­set­zun­gen[5] ein Abwe­sen­heits­ur­teil fäl­len oder aber das Ver­fah­ren sis­tie­ren. Da es sich um eine «Kann-Vor­schrift» han­delt, bleibt dem Gericht in Bezug auf die Wahl des Vor­ge­hens ein Ermes­sens­spiel­raum.[6] Ein Urteil ist gemäss Bot­schaft in der Regel dann zu fäl­len, wenn ein öffent­li­ches Inter­es­se an einem sofor­ti­gen Abschluss des Straf­fal­les vor­han­den ist, so bspw. bei dro­hen­dem Ein­tritt der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung oder bei einem Fall, der in der Öffent­lich­keit Auf­se­hen erregt hat.[7] Nach der hier ver­tre­te­nen Ansicht sind dar­über hin­aus hän­gi­ge Ver­fah­ren wann immer mög­lich durch ein Urteil abzu­schlies­sen. Das Gericht ist an das Beschleu­ni­gungs­ge­bot nach Art. 5 StPO gebun­den und hat ein Straf­ver­fah­ren ohne unbe­grün­de­te Ver­zö­ge­rung zum Abschluss zu brin­gen. Es könn­te gar einer Rechts­ver­wei­ge­rung gleich­kom­men, wenn bei gege­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für ein Kon­tu­ma­zi­al­ur­teil das Ver­fah­ren sis­tiert und schliess­lich wegen Ein­tritts der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung ein­ge­stellt wer­den würde.

8 Bei der Wahl des wei­te­ren Vor­ge­hens sind die Inter­es­sen all­fäl­li­ger Opfer oder Geschä­dig­ter mass­geb­lich zu berück­sich­ti­gen. Die­se haben nicht zuletzt unter dem Aspekt von Süh­ne und Ver­gel­tung für das durch den Beschul­dig­ten began­ge­ne Unrecht ihrer­seits ein Inter­es­se an der Erle­di­gung eines Straf­ver­fah­rens durch ein ver­fah­rens­ab­schlies­sen­des Urteil.

9 Die Sis­tie­rung erscheint hin­ge­gen immer dann als ange­zeigt, wenn davon aus­zu­ge­hen ist, dass ein ordent­li­ches Ver­fah­ren unter Wah­rung der Teil­nah­me­rech­te der beschul­dig­ten Per­son innert nütz­li­cher Frist – d.h. jeden­falls noch vor Ein­tritt der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung – durch­ge­führt wer­den kann. Dies ist bspw. der Fall, wenn sich die beschul­dig­te Per­son bloss in den Aus­land­fe­ri­en befindet.

10 Die Bestim­mun­gen über das erst­in­stanz­li­che Haupt­ver­fah­ren gemäss Ver­wei­sung in Abs. 1 gel­ten auch in Bezug auf die Zustel­lung des nach Abs. 3 gefäll­ten Urteils nach Art. 82 ff. StPO sowie in Bezug auf die Rechts­kraft die­ses Urteils, wel­che nach den übli­chen Vor­aus­set­zun­gen von Art. 437 ff. StPO ein­tritt,[8] jedoch eine bloss reso­lu­tiv (auf­lö­send) beding­te Rechts­kraft dar­stellt.[9] Die end­gül­ti­ge Rechts­kraft des Abwe­sen­heits­ur­teils tritt erst ein, wenn die ver­ur­teil­te Per­son nach per­sön­li­cher Zustel­lung des Urteils innert 10 Tagen kei­ne neue Beur­tei­lung ver­langt oder die­se durch das Gericht abge­lehnt wur­de.[10] Dies bedingt, dass der Auf­ent­halts­ort der beschul­dig­ten Per­son ermit­telt wer­den konn­te oder die­se sonst wie gestellt wur­de.[11]

11 Gegen ein Abwe­sen­heits­ur­teil sind sodann die Rechts­mit­tel von Beru­fung und Beschwer­de[12] sowie zusätz­lich der Rechts­be­helf der Neu­be­ur­tei­lung nach Art. 368 StPO mög­lich.[13]

D. Anwendbare Prozessbestimmungen (Abs. 4)

12 Gemäss Art. 367 Abs. 4 StPO rich­tet sich das Abwe­sen­heits­ver­fah­ren grund­sätz­lich nach Art. 367 StPO und – wo die­se Norm kei­ne Spe­zi­al­re­ge­lung ent­hält – sub­si­di­är nach den Bestim­mun­gen über das erst­in­stanz­li­che Haupt­ver­fah­ren nach Art. 335 ff. StPO. Selbst­re­dend müs­sen für die Durch­füh­rung eines Abwe­sen­heits­ver­fah­rens die all­ge­mein gel­ten­den Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen wie ört­li­che, sach­li­che und funk­tio­nel­le Zustän­dig­keit, Straf­an­trag bei Antrags­de­lik­ten, kei­ne ander­wei­ti­ge Rechts­hän­gig­keit oder bereits ein­ge­tre­te­ne Rechts­kraft etc. erfüllt sein und die Par­tei­en sind sowohl zur ers­ten als auch zur zwei­ten Haupt­ver­hand­lung ord­nungs­ge­mäss vor­zu­la­den. Bei Aus­blei­ben der Ver­tei­di­gung oder einer Pro­zess­par­tei ist durch das Gericht auch beim zwei­ten Ter­min ein­läss­lich zu prü­fen, ob ein unent­schul­dig­tes Nicht­er­schei­nen vor­liegt oder ob sich viel­mehr eine wei­te­re Ver­schie­bung der Ver­hand­lung auf­drängt. In Fäl­len der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung nach Art. 130 StPO kann nur in Anwe­sen­heit eines Anwal­tes ver­han­delt wer­den; bleibt auch die Ver­tei­di­gung aus, so muss die Ver­hand­lung zwin­gend erneut ver­scho­ben wer­den.[14]


[1] Vgl. Bot­schaft, 1300; BSK-Mau­rer, N. 1 zu Art. 367 StPO.

[2] Schmid/Jositsch, Hand­buch, N. 1405.

[3] Schmid/Jositsch, Hand­buch, N. 1405.

[4] BSK-Mau­rer, N. 2 zu Art. 367 StPO.

[5] Unent­schul­dig­tes Nicht­er­schei­nen trotz ord­nungs­ge­mäs­ser Vor­la­dung, Gewäh­rung des recht­li­chen Gehörs und Vor­lie­gen eines liqui­den Sach­ver­halts. Sie­he zu den Vor­aus­set­zun­gen des Abwe­sen­heits­ver­fah­rens aus­führ­lich die Kom­men­tie­rung zu Art. 366 StPO.

[6] Vgl. Bot­schaft, 1300.

[7] Bot­schaft, 1300.

[8] Schmid/Jositsch, Hand­buch, Rz. 1407.

[9] Sie­he zur reso­lu­tiv beding­ten Rechts­kraft aus­führ­lich die Kom­men­tie­rung in N. 16 f. zu Art. 368 StPO sowie Urteil 1B_478/2021 vom 28. Sep­tem­ber 2021 E. 2.3 m.w.H.

[10] Zum Gan­zen Urteil 1B_478/2021 vom 28. Sep­tem­ber 2021 E. 2.3 m.w.H.

[11] Sie­he dazu aus­führ­lich die Kom­men­tie­rung in N. 4 ff. zu Art. 368.

[12] Sie­he zum Ver­hält­nis der Rechtsmittel/Rechtsbehelfe unter­ein­an­der die Kom­men­tie­rung zu Art. 371 StPO.

[13] Sie­he dazu ein­ge­hend die Kom­men­tie­rung zu Art. 368 StPO.

[14] BSK-Mau­rer, N. 1 zu Art. 367 StPO.

Literaturverzeichnis

Bot­schaft zur Ver­ein­heit­li­chung des Straf­pro­zess­rechts vom 21. Dezem­ber 2005, BBl 2006 1085 ff.

Mau­rer Tho­mas, in: Nig­gli Mar­cel Alexander/Heer Marianne/Wiprächtiger Hans (Hrsg.), Bas­ler Kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, 2. Aufl., Basel 2014.

Schmid Niklaus/Jositsch Dani­el, Hand­buch des schwei­ze­ri­schen Straf­pro­zess­rechts, 3. Aufl. Zürich/St.Gallen 2017 (zit. Handbuch).

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