Kommentar zu Art. 701 OR

Ein Kom­men­tar von Dani­el Brugger

Beim vor­lie­gen­den Kom­men­tar han­delt es sich aus­schliess­lich um die per­sön­li­che Mei­nung von Dani­el Brugger. 

Zitier­vor­schlag

Dani­el Brug­ger, Kom­men­tar zu Art. 701 OR, in: Online­kom­men­tar zum Obli­ga­tio­nen­recht, Onlinekommentar.ch, https://onlinekommentar.ch/or701/, 1. Aufl., N. XXX zu Art. 701 OR (besucht am XXX). 

Kurz­zi­tat: OK-Brug­ger, N. XXX zu Art. 701 OR.

3. Uni­ver­sal­ver­samm­lung

Art. 701 OR

Die Eigen­tü­mer oder Ver­tre­ter sämt­li­cher Akti­en kön­nen, falls kein Wider­spruch erho­ben wird, eine Gene­ral­ver­samm­lung ohne Einhal­tung der für die Ein­be­ru­fung vor­ge­schrie­be­nen Form­vor­schrif­ten abhalten.

2 In die­ser Ver­samm­lung kann über alle in den Geschäfts­kreis der Gene­ral­ver­samm­lung fal­len­den Gegen­stän­de gül­tig ver­han­delt und Beschluss gefasst wer­den, solan­ge die Eigen­tü­mer oder Ver­tre­ter sämtli­cher Akti­en anwe­send sind.

3. Réuni­on de tous les actionnaires

Art. 701 CO

1 Les pro­prié­taires ou les repré­sen­tants de la tota­li­té des actions peu­vent, s’il n’y a pas d’opposition, tenir une assem­blée géné­ra­le sans obser­ver les for­mes pré­vu­es pour sa convocation.

2 Aus­si long­temps qu’ils sont prés­ents, cet­te assem­blée a le droit de déli­bé­rer et de sta­tu­er val­a­b­le­ment sur tous les objets qui sont du res­sort de l’assemblée générale.

3. Riunio­ne di tut­ti gli azionisti

Art. 701 CO

1 I pro­prie­ta­ri o i rappre­sen­tan­ti di tut­te le azio­ni posso­no, pur­ché nes­suno vi si op­ponga, tene­re un’assemblea gene­ra­le anche sen­za osser­vare le for­ma­li­tà pre­scrit­te per la convocazione.

2 Fin­ché i pro­prie­ta­ri od i rappre­sen­tan­ti di tut­te le azio­ni sono presen­ti, siff­at­ta as­semblea può vali­da­men­te tratta­re tut­ti gli argo­men­ti di spet­t­an­za dell’assemblea ge­nerale e deli­ber­a­re su di essi.

3. Uni­ver­sal meeting

Art. 701 CO

1 The owners or repre­sen­ta­ti­ves of all the company’s shares may, if no objec­tion is rai­sed, hold a gene­ral mee­ting without com­ply­ing with the for­mal requi­re­ments for con­vening meetings.

2 This mee­ting may hold valid­ly dis­cuss and pass bin­ding reso­lu­ti­ons on all mat­ters wit­hin the remit of the gene­ral mee­ting, pro­vi­ded that the owners or repre­sen­ta­ti­ves of all the shares are present.

I. Einleitung

A. Begriff der Universalversammlung

1 Grund­sätz­lich müs­sen die Aktio­nä­re für die Gene­ral­ver­samm­lung einer Akti­en­ge­sell­schaft förm­lich, unter Ein­hal­tung einer Frist und unter ver­bind­li­cher Anga­be der Verhandlungs­gegenstände, ein­ge­la­den wer­den (dazu Art. 700 OR). Die­se Ein­be­ru­fungs­for­ma­li­tä­ten die­nen dem Aktio­närs­schutz und sor­gen dafür, dass die Aktio­nä­re die Mög­lich­keit haben, ihre Mit­wir­kungs­rech­te an der Gene­ral­ver­samm­lung aus­zu­üben.[1]Von der Cro­ne, Rz. 1018. Unter ande­rem wird damit sicher­ge­stellt, dass die Aktio­nä­re an der Ver­samm­lung nicht durch uner­war­te­te Ver­hand­lungs­ge­gen­stän­de über­rum­pelt und zu unbe­dach­ten Ent­schei­den ver­lei­tet wer­den.[2]ZK-Tan­ner, N. 1 zu Art. 701 OR.

2 Das Gesetz sieht in Art. 701 OR eine Aus­nah­me vor, nach der eine Gene­ral­ver­samm­lung ohne Ein­hal­tung der für die Ein­be­ru­fung vor­ge­schrie­be­nen Vor­schrif­ten abge­hal­ten wer­den kann. Die Mar­gi­na­le bezeich­net die­se Gene­ral­ver­samm­lung als “Uni­ver­sal­ver­samm­lung”. Uni­ver­sal ist die Ver­samm­lung inso­weit, als die Aktio­nä­re der Gesell­schaf­ter oder deren Ver­tre­ter an der Ver­samm­lung umfas­send anwe­send sind.[3]Duden, Stich­wort “uni­ver­sal Es han­delt sich also um eine Voll­ver­samm­lung der Aktio­nä­re (bzw. deren Ver­tre­ter). In der fran­zö­sisch- und italienisch­sprachigen Mar­gi­na­lie wird die Uni­ver­sal­ver­samm­lung ent­spre­chend als “réuni­on de tous les actionn­aires” und “riunio­ne di tut­ti gli azio­nis­ti” bezeich­net. Dass alle Akti­en der Gesell­schaft anwe­send oder ver­tre­ten sind, genügt aber noch nicht, damit die Ver­samm­lung “uni­ver­sal” im Sin­ne von Art. 701 OR ist. Ver­langt wird in Art. 701 OR dar­über hin­aus, dass die Aktio­nä­re oder deren Ver­tre­ter wider­spruchs­frei anwe­send sind (zu den Vor­aus­set­zun­gen im Ein­zel­nen unten N. 11 ff.). Eine Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist somit eine Gene­ral­ver­samm­lung, an der sämt­li­che Aktio­nä­re der Gesell­schaft (oder deren Ver­tre­ter) wider­spruchs­frei anwe­send sind.

3 Ist dies der Fall, kann die Gene­ral­ver­samm­lung ohne die für ihre Ein­be­ru­fung vorge­schriebenen Vor­schrif­ten abge­hal­ten wer­den (Art. 701 Abs. 1 OR; dazu unten N. 28). In der Universal­versammlung kann über alle in den Geschäfts­kreis der Gene­ral­ver­samm­lung fal­len­den Gegen­stän­de gül­tig ver­han­delt und Beschluss gefasst wer­den (Art. 701 Abs. 2 OR). Der Uni­ver­sal­ver­samm­lung ste­hen somit sämt­li­che Befug­nis­se einer General­versammlung zu (Art. 698 Abs. 2 Ziff. 1 – 6 OR).[4]ZK-Tan­ner, N. 43 zu Art. 701 OR. Sowohl die ordent­li­che als auch die aus­ser­or­dent­li­che Gene­ral­ver­samm­lung kann als Uni­ver­sal­ver­samm­lung durch­ge­führt wer­den. [5]Von der Cro­ne, Rz. 1017.

B. Zweck der Universalversammlung

4 Der Zweck der Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist “prak­ti­scher Art”[6]ZK-Bür­gi, N. 3 zu Art. 701 OR.: Mit der Universal­versammlung soll den Aktio­nä­ren ermög­licht wer­den, eine Gene­ral­ver­samm­lung kurz­fris­tig und ohne grös­se­re orga­ni­sa­to­ri­sche Umtrie­be bezüg­lich der Ein­be­ru­fung abzu­hal­ten. Damit wird die Ein­be­ru­fung der Gene­ral­ver­samm­lung ver­ein­facht und die Durch­füh­rung von Gene­ral­ver­samm­lun­gen erleich­tert.[7]BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 1 zu Art. 701 OR.

5 Sind alle Aktio­nä­re (oder deren Ver­tre­ter) wider­spruchs­frei anwe­send, also mit der Durch­füh­rung der Gene­ral­ver­samm­lung ohne Beach­tung der Ein­be­ru­fungs­for­ma­li­tä­ten ein­ver­stan­den, ist ein Behar­ren auf die Ein­be­ru­fungs­vor­schrif­ten auch nicht sinn­voll.[8]ZK-Tan­ner, N. 1 zu Art. 701 OR. Im Gegen­teil: Es wäre stos­send und ein Wider­spruch gegen das Gebot des Han­delns nach Treu und Glau­ben (Art. 2 Abs. 1 ZGB), wenn ein rügelos anwe­sen­der Aktio­när (oder Ver­tre­ter) in der Lage wäre, nach­träg­lich die Gül­tig­keit der Gene­ral­ver­samm­lungs­be­schlüs­se wegen Ein­be­ru­fungs­feh­lern in Fra­ge zu stel­len.[9]Vgl. Von Stei­ger, S. 193.

6 An der Uni­ver­sal­ver­samm­lung wird der Aktio­närs­schutz viel­mehr ander­wei­tig sicher­ge­stellt: Der Aktio­när oder sein Ver­tre­ter hat sich selbst vor einer mög­li­chen Über­rumpelung zu schüt­zen (dazu oben N. 1). Ist er mit der Durch­füh­rung der General­versammlung nicht ein­ver­stan­den oder benö­tigt er mehr Zeit für die Vor­be­rei­tung eines Ver­hand­lungs­ge­gen­stan­des, kann er an der Ver­samm­lung nicht teil­neh­men, sie jeder­zeit ver­las­sen oder Wider­spruch gegen die Behand­lung ein­zel­ner Trak­tan­den erhe­ben (dazu unten N. 15 ff. und N. 20 ff.).[10] Stu­der, S. 142. Jedem Aktio­när steht damit ein Veto­recht gegen die Durch­füh­rung der Gene­ral­ver­samm­lung als Uni­ver­sal­ver­samm­lung zu. [11]Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 6.

7 Auf­grund die­ses Veto­rechts ist die Durch­füh­rung einer Uni­ver­sal­ver­samm­lung nicht zu emp­feh­len, wenn dar­in Beschlüs­se über The­men gefällt wer­den sol­len, die bei ein­zel­nen Aktio­nä­ren auf fun­da­men­ta­len Wider­spruch stos­sen. Eben­so­we­nig ist eine Universal­versammlung emp­feh­lens­wert, wenn das Aktio­na­ri­at zer­strit­ten oder wenn mit Stör- oder Ver­zö­ge­rungs­ma­nö­vern zu rech­nen ist.

C. Praktische Bedeutung der Universalversammlung

8 In der Pra­xis hal­ten Ein­per­so­nen­ge­sell­schaf­ten, Gesell­schaf­ten mit klei­nem Aktio­na­ri­at sowie Kon­zern­un­ter­ge­sell­schaf­ten mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Betei­li­gung ihre General­versammlungen in der Regel als Uni­ver­sal­ver­samm­lun­gen ab.[12]ZK-Tan­ner, N. 3 zu Art. 701 OR.

9 Bei Gesell­schaf­ten mit breit gestreu­tem Aktio­närs­kreis ist es dem­ge­gen­über in aller Regel nicht mög­lich, alle Akti­en in einer Ver­samm­lung zu ver­sam­meln. Ent­spre­chend ist es prak­tisch aus­ge­schlos­sen, für sol­che Gesell­schaf­ten eine Uni­ver­sal­ver­samm­lung durch­zuführen.[13]CR-Peter/­Ca­va­di­ni, N. 1 zu Art. 701 OR.

10 Eben­so ist die Durch­füh­rung einer Uni­ver­sal­ver­samm­lung auf­grund der gesetz­li­chen Schutz­vor­schrif­ten zuguns­ten der Par­ti­zi­pan­ten in aller Regel nicht mög­lich, wenn die Gesell­schaft Par­ti­zi­pa­ti­ons­ka­pi­tal aus­ge­ge­ben hat.[14]Dazu: BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3b zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 57.

II. Voraussetzungen einer Universalversammlung

11 Für eine gül­ti­ge Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist nach Art. 701 Abs. 1 OR zwei­er­lei notwendig:

  • Alle Aktio­nä­re der Gesell­schaft sind fort­lau­fend anwe­send bzw. rechts­gül­tig vertreten.
  • Kein Aktio­när bzw. kein Ver­tre­ter erhebt Wider­spruch gegen die Durch­füh­rung der Universalversammlung.

A. Anwesenheit oder Vertretung aller Aktien

1. Fortlaufende Anwesenheit aller Aktien

12 Für eine rechts­gül­ti­ge Uni­ver­sal­ver­samm­lung wird ers­tens ver­langt, dass alle Aktio­nä­re fort­lau­fend anwe­send oder rechts­gül­tig ver­tre­ten sind.[15]BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR. Die Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist mit­hin nur gül­tig, wenn sämt­li­che Akti­en ver­tre­ten sind.[16]BGE 120 IV 199 E. 1. Eine Aus­nah­me davon gilt für eige­ne Akti­en, da das Stimm­recht bei die­sen Akti­en ruht (Art. 659a Abs. 1 OR).[17]CR-Peter/­Ca­va­di­ni, N. 3a zu Art. 701 OR.

13 Sind alle Akti­en in der Hand eines Aktio­närs ver­tre­ten, genügt es für eine Universal­versammlung damit im Extrem­fall, dass nur ein Aktio­när bzw. nur ein Ver­tre­ter anwe­send ist und die Ver­samm­lung durch­führt.[18]Böck­li, § 12 N. 55.

14 Ver­langt wird nur Prä­senz des Aktio­närs oder sei­nes Ver­tre­ters. Akti­ve Mit­wir­kung an der Ver­samm­lung, etwa durch Stimm­aus­übung, wird für eine gül­ti­ge Uni­ver­sal­ver­samm­lung nicht vor­aus­ge­setzt.[19]ZK-Tan­ner, N. 46 zu Art. 701 OR. Mit ande­ren Wor­ten ist Stimm­ent­hal­tung an der Universal­ver­sammlung zuläs­sig.[20]BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR.

2. Verlassen der Versammlung

15 Die Anwe­sen­heit sämt­li­cher Akti­en ist für die gan­ze Dau­er der Uni­ver­sal­ver­samm­lung erfor­der­lich.[21] BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR. Ver­lässt ein Aktio­när oder sein Ver­tre­ter die Ver­samm­lung, wird die Uni­ver­sal­ver­samm­lung sofort been­det.[22]Böck­li, § 12 N. 54. Ein Weg­gang eines Aktio­närs wirkt hin­ge­gen nicht zurück auf bereits gefass­te Beschlüs­se. Vor­her gefass­te Beschlüs­se blei­ben grund­sätz­lich rechts­gül­tig.[23] BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 54. Aus­nahms­wei­se kön­nen sie ungül­tig sein, wenn offen­sicht­lich ist, dass sie ohne die spä­ter vor­ge­se­he­nen Beschlüs­se nie gefasst wor­den oder sinn­los wären.[24]ZK-Tan­ner, N. 40 zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 54.

16 Nach dem Weg­gang kann zwar an der Zusam­men­kunft der ver­blei­ben­den Aktio­nä­re wei­ter­hin unver­bind­lich ver­han­delt wer­den. Gene­ral­ver­samm­lungs­be­schlüs­se kön­nen aber nicht mehr gül­tig gefasst wer­den (zu den Fol­gen unten N. 33 ff.).[25]ZK-Bür­gi, N. 6 zu Art. 701 OR.

17 Sind zu Beginn der Ver­samm­lung nicht alle Akti­en ver­tre­ten (oder ver­lässt ein Aktio­när die Ver­samm­lung), kann nach der Ankunft oder Rück­kehr des letz­ten Aktio­närs die Ver­samm­lung (wie­der) als Uni­ver­sal­ver­samm­lung geführt wer­den.[26]ZK-Tan­ner, N. 8 zu Art. 701 OR. Durch den Umstand, dass die Akti­en an der Ver­samm­lung (wie­der) voll­stän­dig ver­tre­ten sind, kön­nen die nach­fol­gen­den Beschlüs­se als Uni­ver­sal­ver­samm­lung gefasst wer­den.[27]CHK-Tan­ner, N. 2 zu Art. 701 OR. Die vor­her, bei nicht voll­zäh­li­gem Aktio­na­ri­at gefäll­ten Beschlüs­se wer­den dem­ge­gen­über nicht geheilt. Bei Voll­zäh­lig­keit der Aktio­nä­re (bzw. deren Ver­tre­ter) kann die Beschluss­fas­sung über die bereits gefäll­te Trak­tan­den hin­ge­gen wie­der­holt werden.

3. Schriftliche Zustimmung zur Universalversammlung?

18 Ein abwe­sen­der Aktio­när kann nicht im Vor­aus oder im Nach­hin­ein den Beschlüs­sen einer Uni­ver­sal­ver­samm­lung schrift­lich zustim­men, obschon das in der Pra­xis immer wie­der ver­sucht wird.[28]ZK-Tan­ner, N. 10 zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 5 zu Art. 701 OR. Eine sol­che Zustim­mung ist unwirk­sam, aus­ser sie könn­te als Voll­macht zur Ver­tre­tung der Akti­en aus­ge­legt wer­den.[29]BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 5 zu Art. 701 OR. Will der Aktio­när nicht an der Ver­samm­lung teil­neh­men, aber den­noch die Uni­ver­sal­ver­samm­lung nicht ver­hin­dern, bestimmt er sinn­vol­ler­wei­se vor­gän­gig einen Ver­tre­ter, der sei­ne Akti­en an der Ver­samm­lung ver­tre­ten kann.

4. Anwesenheit des Verwaltungsrats?

19 Für die Gül­tig­keit der Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist nur die Prä­senz aller Aktio­nä­re (oder deren Ver­tre­ter) not­wen­dig, nicht hin­ge­gen die Anwe­sen­heit der Mit­glie­der des Ver­wal­tungs­ra­tes, auch wenn sie nach Art. 702a OR berech­tigt sind, an der Ver­samm­lung teil­zu­neh­men und Anträ­ge zu stel­len.[30]ZK-Tan­ner, N. 10a zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 1 zu Art. 701 OR. Ver­wal­tungs­rä­te kön­nen die Uni­ver­sal­ver­samm­lung auch nicht durch ihren Wider­spruch ver­hin­dern.[31]Böck­li, § 12 N. 54a. Im revi­dier­ten Akti­en­recht wird durch eine Straf­fung des Wort­lau­tes von Art. 702a OR klar­ge­stellt, dass weder Ver­wal­tungs­rä­te noch die Mit­glie­der der Geschäfts­lei­tung ein recht­lich durch­setz­ba­res Teil­nah­me­recht haben.[32]Bot­schaft 2016, S. 562 f.

B. Kein Widerspruch

20 Bei der Uni­ver­sal­ver­samm­lung ver­zich­ten die Aktio­nä­re auf die Beach­tung von Ein­be­ru­fungs­for­ma­li­tä­ten.[33]CHK-Tan­ner, N. 3 zu Art. 701 OR. Kein Aktio­när muss sich aber gefal­len las­sen, dass eine Gene­ral­ver­samm­lung als Uni­ver­sal­ver­samm­lung durch­ge­führt wird (sog. Veto­recht des Aktio­närs; dazu oben N. 6). Als Zwei­tes wird für eine gül­ti­ge Uni­ver­sal­ver­samm­lung somit vor­aus­ge­setzt, dass alle Aktio­nä­re (oder deren Ver­tre­ter) mit der Durch­füh­rung der Gene­ral­ver­samm­lung als Uni­ver­sal­ver­samm­lung aus­drück­lich oder still­schwei­gend ein­ver­stan­den sind.[34]BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR. Umge­kehrt aus­ge­drückt wird ver­langt, dass kein Aktio­när (oder sein Ver­tre­ter) Wider­spruch gegen die Uni­ver­sal­ver­samm­lung erhebt.

1. Form des Widerspruchs

21 Der Wider­spruch des Aktio­närs oder des­sen Ver­tre­ters ist an kei­ne Form gebun­den. Der Aktio­när (oder Ver­tre­ter) hat den Wider­spruch jedoch klar und ein­deu­tig zum Aus­druck zu brin­gen.[35]ZK-Tan­ner, N. 27 zu Art. 701 OR. Der Wider­spruch hat sich ins­be­son­de­re von der blos­sen, an der Uni­ver­sal­ver­samm­lung zuläs­si­gen Stimm­ent­hal­tung zu unter­schei­den (dazu oben N. 14).

2. Inhalt des Widerspruchs

22 Der Wider­spruch des Aktio­närs (oder des­sen Ver­tre­ters) kann sich gegen die Durch­füh­rung der Uni­ver­sal­ver­samm­lung oder gegen die Beschluss­fas­sung über ein bestimm­tes Trak­tan­dum rich­ten.[36]ZK-Tan­ner, N. 21 ff. zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR; Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 6. Ande­rer Mei­nung: Böck­li, § 12 N. 53. Letz­te­res schon aus dem Grund, dass sich ein Aktio­när (bzw. des­sen Ver­tre­ter) in legi­ti­mer Wei­se auf den Stand­punkt stel­len kann, dass ver­schie­de­ne Geschäf­te in unter­schied­li­cher Wei­se beschluss­reif sind.[37]Von der Cro­ne, Rz. 1021. Zudem könn­ten die Aktio­nä­re eine ers­te Uni­ver­sal­ver­samm­lung abbre­chen und unmit­tel­bar danach zu einer neu­en Universal­versammlung ohne das strit­ti­ge Trak­tan­dum zusam­men­kom­men.[38] ZK-Tan­ner, N. 24 zu Art. 701 OR. Es ist daher nicht sinn­voll, die Uni­ver­sal­ver­samm­lung abzu­bre­chen, nur weil ein Aktio­när (oder des­sen Ver­tre­ter) zu einem Trak­tan­dum Wider­spruch erhebt. Viel­mehr wird die Universal­versammlung ohne das strit­ti­ge Trak­tan­dum durchgeführt.

23 Unzu­läs­sig ist hin­ge­gen ein Wider­spruch gegen ein­zel­ne Anträ­ge zu einem Trak­tan­dum.[39]ZK-Tan­ner, N. 22 zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR. Ein sol­cher Wider­spruch ist im Zwei­fel als Wider­spruch gegen das gan­ze Trak­tan­dum zu inter­pre­tie­ren (dazu unten N. 40).

24 Eben­so­we­nig ist es zuläs­sig, den Wider­spruch bedingt zu erklä­ren. So kann ein Aktio­när bei­spiels­wei­se den Ver­zicht auf den Wider­spruch zu einem Trak­tan­dum nicht vom Ergeb­nis der Abstim­mung abhän­gig machen. [40]Von der Cro­ne, Rz. 1022.

3. Zeitpunkt des Widerspruchs

25 Der Wider­spruch des Aktio­närs (oder Ver­tre­ters) kann vor oder wäh­rend der Ver­samm­lung erfol­gen.[41]Von der Cro­ne, Rz. 1022.

26 Wur­de der Wider­spruch vor der Ver­samm­lung erho­ben, nimmt der Aktio­när oder des­sen Ver­tre­ter aber an der Ver­samm­lung teil, hat er sei­nen Wider­spruch zu wie­der­ho­len. Ansons­ten ist durch die rüge­lo­se Teil­nah­me des Aktio­närs grund­sätz­lich ein Ver­zicht auf Wider­spruch anzu­neh­men.[42]ZK-Tan­ner, N. 32 zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR.

27 Wäh­rend der Ver­samm­lung kann der Aktio­när oder sein Ver­tre­ter sei­nen Wider­spruch zu Pro­to­koll geben.[43]ZK-Bür­gi, N. 11 zu Art. 701 OR. Erhebt der Aktio­när (oder sein Ver­tre­ter) erst nach Beginn der Ver­samm­lung Wider­spruch, kann sich die­ser aber nur noch auf zu Beschlies­sen­des bezie­hen. Ein Wider­spruch gegen bereits Beschlos­se­nes ist nicht mög­lich und die bis dahin getrof­fe­nen Beschlüs­se blei­ben gül­tig (dazu oben N. 15). [44]CHK-Tan­ner, N. 4 zu Art. 701 OR. Der Wider­spruch wirkt damit nicht rück­wir­kend, son­dern nur für die Zukunft.[45]Von der Cro­ne, Rz. 1022.

III. Folgen

A. Verzicht auf Einberufungsformalitäten

28 Wenn die obge­nann­ten bei­den Vor­aus­set­zun­gen für die Durch­füh­rung der Universal­versammlung gege­ben sind, kann die Gene­ral­ver­samm­lung ohne die für ihre Ein­be­ru­fung vor­ge­schrie­be­nen Vor­schrif­ten abge­hal­ten wer­den (Art. 701 Abs. 1 OR). Die for­mel­len Erleich­te­run­gen der Uni­ver­sal­ver­samm­lung beschrän­ken sich aber nur auf die gesetz­li­chen und sta­tu­ta­ri­schen Ein­be­ru­fungs­vor­schrif­ten.[46]Von der Cro­ne, Rz. 1023. So ist bei einer Uni­ver­sal­ver­samm­lung bei­spiels­wei­se kei­ne eigent­li­che Ein­be­ru­fung not­wen­dig[47] ZK-Bür­gi, N. 4 zu Art. 701 OR. und die Trak­tan­den kön­nen belie­big geän­dert wer­den[48]CR-Peter/­Ca­va­di­ni, N. 6 zu Art. 701 OR. Zu neu­en Trak­tan­den bei Ver­tre­tung vgl. ZK-Tan­ner, N. 48 ff. zu Art. 701 OR..

29 Im Übri­gen sind die gesetz­li­chen und sta­tu­ta­ri­schen Vor­schrif­ten, die auf die General­versammlung anwend­bar sind, auch für die Uni­ver­sal­ver­samm­lung ohne Ein­schrän­kun­gen ein­zu­hal­ten.[49]Urteil 2C_115/2007 vom 11. Febru­ar 2008 E. 5.2; Böck­li, § 12 N. 53. Ins­be­son­de­re sind die gesetz­li­chen und sta­tu­ta­ri­schen Quo­ren (Art. 703 ff. OR) zu beach­ten. Dem­entspre­chend wird an der Universal­versammlung auch kei­ne Ein­stim­mig­keit ver­langt, son­dern in der Regel ent­schei­det die Mehr­heit der Akti­en­stim­men (Art. 703 OR). Auch die Bestim­mung über die Pro­to­kol­lie­rung der Ver­samm­lung (Art. 702 Abs. 2 OR) gilt für die Uni­ver­sal­ver­samm­lung unein­ge­schränkt (dazu unten N. 38 ff.).[50]BGE 120 IV 199 E. 1; Urteil 6B_300/2016 vom 7. Novem­ber 2016 E. 4.4.2; Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 5.

30 Lie­gen die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen von Art. 701 Abs. 1 OR vor, kann irgend­ei­ne Zusam­men­kunft der Aktio­nä­re (bzw. deren Ver­tre­ter) grund­sätz­lich zu einer General­versammlung erklärt wer­den.[51]BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 1 zu Art. 701 OR. So kann bei­spiels­wei­se eine gemein­sa­me Sit­zung aller Aktio­nä­re zu einer Uni­ver­sal­ver­samm­lung aus­ge­baut und an die­ser Ver­samm­lung die der Gene­ral­ver­samm­lung vor­be­hal­te­nen Beschlüs­se getrof­fen werden.

31 Aber nicht jede infor­mel­le Zusam­men­kunft aller Aktio­nä­re der Gesell­schaft stellt ohne Wei­te­res eine Uni­ver­sal­ver­samm­lung dar.[52]Mei­er-Hay­o­z/­Forst­mo­ser/S­e­the, § 16 N. 484. So ist bei­spiels­wei­se ein infor­mel­les gemein­sa­mes Essen am Mit­tag­tisch bei einer Fami­li­en­ge­sell­schaft in aller Regel kei­ne Gene­ral­ver­samm­lung, obschon alle Aktio­nä­re an der Ver­samm­lung ver­tre­ten wären. Die Aktio­nä­re müs­sen sich für eine gül­ti­ge Uni­ver­sal­ver­samm­lung bewusst sein, dass sie eine beschluss­fä­hi­ge Gene­ral­ver­samm­lung bil­den und sie müs­sen dies auch wol­len.[53]ZK-Tan­ner, N. 6 zu Art. 701 OR; Stu­der, S. 142 f. Dar­über hin­aus ist dar­an zu erin­nern, dass (abge­se­hen von den Ein­la­dungs­for­ma­li­tä­ten) die übri­gen Anfor­de­run­gen an eine Gene­ral­ver­samm­lung ein­zu­hal­ten sind, ins­be­son­de­re ist ein Pro­to­koll zu füh­ren (dazu oben N. 29).

B. Heilung von Einberufungsmängel

32 Wur­de eine “gewöhn­li­che” Gene­ral­ver­samm­lung ein­be­ru­fen, war aber die Ein­be­ru­fung feh­ler­haft, weil etwa die Ein­be­ru­fungs­frist nicht ein­ge­hal­ten oder die Trak­tan­den nicht rechts­ge­nüg­lich genannt wur­den, wer­den mit der Durch­füh­rung einer Universal­versammlung die Ein­be­ru­fungs­feh­ler geheilt.[54]Von der Cro­ne, Rz. 1019; ZK-Tan­ner, N. 3 und N. 13 zu Art. 701 OR.

IV. Voraussetzungen für Universalversammlung nicht gegeben

A. Nichtigkeit

33 Nach der bun­des­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung lei­den Beschlüs­se, die an einer “Universal­versammlung” gefasst wur­den, obschon nicht alle Akti­en an der Ver­samm­lung anwe­send oder ver­tre­ten waren, unter einem schwe­ren for­mel­len Man­gel und sind nich­tig (Art. 706b Ziff. 1 OR).[55]BGE 137 III 460 E. 3.3.2. Gl.M. ZK-Tan­ner, N. 7 und N. 68 ff. zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 54; Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 6. Dif­fe­ren­zie­rend: BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 … Con­ti­nue rea­ding Dabei ist es irrele­vant, ob der nicht anwe­sen­de Aktio­när mit sei­ner Stimm­kraft den Beschluss hät­te ver­hin­dern kön­nen.[56]BGE 137 III 460 E. 3.3.2; ZK-Tan­ner, N. 7 zu Art. 701 OR.

34 Die Nich­tig­keit eines Beschlus­ses ist vom Gericht jeder­zeit von Amtes wegen festzu­stellen.[57]Dazu: Urteil 4A_98/2020 vom 21. Janu­ar 2021 E. 3.3.4.2, zur Publ. vor­ge­se­hen. Das bedeu­tet auch, dass jeder­mann (also auch Nicht­ak­tio­nä­re, wie etwa Gläu­bi­ger) sich grund­sätz­lich jeder­zeit auf einen nich­ti­gen Generalversammlungs­beschluss beru­fen kann. [58]BGE 115 II 468 E. 3b; Urteil 4A_131/2007 vom 11. Janu­ar 2008 E. 2.1. Immer­hin wird ver­langt, dass ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Fest­stel­lung der Nich­tig­keit Gene­ral­ver­samm­lungs­be­schlus­ses besteht (Art. 59 Abs. 2 lit. a ZPO).[59]Urteil 4A_282/2020 vom 5. August 2020 E. 2.1.

35 Die Nich­tig­keit kann auch im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren fest­ge­stellt wer­den, nament­lich auch vom Bun­des­ge­richt. Das Bun­des­ge­richt beur­teilt aber die Nich­tig­keit eines Gene­ral­ver­samm­lungs­be­schlus­ses als pri­vat­recht­li­ches Rechts­ge­schäft nur inso­weit, als sich die Nich­tig­keit auf den vor­in­stanz­lich fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt stüt­zen lässt oder eine rechts­ge­nüg­li­che Sach­ver­halts­er­gän­zung ver­langt wird.[60]Dazu all­ge­mein: Urteil 4A_20/2020 vom 26. Febru­ar 2020 E. 5.3.1.

B. Konversion der Universalversammlung in eine gewöhnliche Generalversammlung

36 Ver­lässt ein Aktio­när oder des­sen Ver­tre­ter die Ver­samm­lung, kann die­se in eine “gewöhn­li­che” Gene­ral­ver­samm­lung kon­ver­tiert wer­den.[61]Vgl. BGE 137 III 460 E. 3.3.2 S. 466. Eine sol­che Kon­ver­si­on wird aber in der Regel dar­an schei­tern, dass die Ein­be­ru­fungs­vor­schrif­ten nicht ein­ge­hal­ten wur­den.[62]ZK-Tan­ner, N. 9 zu Art. 701 OR. Wur­den die Ein­be­ru­fungs­vor­schrif­ten hin­ge­gen beach­tet, kann die Ver­samm­lung nach dem Ver­las­sen eines Aktio­närs als “gewöhn­li­che” Gene­ral­ver­samm­lung wei­ter­ge­führt wer­den.[63]Von der Cro­ne, Rz. 1019.

37 Der Wech­sel von einer Uni­ver­sal­ver­samm­lung zu einer “gewöhn­li­chen” General­versammlung ist im Pro­to­koll der Ver­samm­lung fest­zu­hal­ten. Wird die Ver­samm­lung als “gewöhn­li­che” Gene­ral­ver­samm­lung wei­ter­ge­führt, gel­ten die gewöhn­li­chen Ein­be­ru­fungs­schrif­ten. Ins­be­son­de­re beschränkt sich der Kreis der Geschäf­te, über wel­che die Gene­ral­ver­samm­lung beschlies­sen kann, auf die in der Ein­la­dung erwähn­ten Ver­hand­lungs­ge­gen­stän­de.[64]Von der Cro­ne, Rz. 1019.

V. Protokoll und Verhandlungsleitung

38 Die Tat­sa­che, dass alle Aktio­nä­re bzw. deren Ver­tre­ter anwe­send sind und nie­mand Wider­spruch erhebt, ist im Pro­to­koll der Uni­ver­sal­ver­samm­lung fest­zu­hal­ten.[65]ZK-Tan­ner, N. 53 zu Art. 701 OR. Ein Mus­ter­pro­to­koll einer Gene­ral­ver­samm­lung kann etwa auf der Sei­te des Han­dels­re­gis­ters des Kan­tons Zürich abge­ru­fen wer­den Unter Umstän­den kann es auch zweck­mäs­sig sein, zu pro­to­kol­lie­ren, dass sämt­li­che Aktio­nä­re oder deren Ver­tre­ter bis am Ende der Ver­samm­lung anwe­send waren, und das Pro­to­koll durch alle Anwe­sen­den unter­schrei­ben zu las­sen.[66]Von Stei­ger, S. 195.

39 Wur­de Wider­spruch gegen die Uni­ver­sal­ver­samm­lung als Gan­zes oder gegen ein­zel­ne Trak­tan­den erho­ben, ist dies zu pro­to­kol­lie­ren. Dem Vor­sit­zen­den der Universal­versammlung ist zu emp­feh­len, all­fäl­li­ge Unklar­hei­ten bezüg­lich des Wider­spru­ches zu klä­ren und für Rechts­klar­heit zu sor­gen. Ist die Aus­sa­ge des Aktio­närs nicht ein­deu­tig, soll­te der Vor­sit­zen­de beim Aktio­när oder des­sen Ver­tre­ter nach­fra­gen, ob er Wider­spruch erhebt und wenn ja, gegen was genau (gegen die Uni­ver­sal­ver­samm­lung als Gan­zes oder gegen wel­ches kon­kre­te Traktandum).

40 Erhebt ein Aktio­när unzu­läs­si­ger­wei­se Wider­spruch gegen einen Antrag (dazu oben N. 23), ist es auch am Ver­hand­lungs­lei­ter, den Aktio­när auf­zu­klä­ren und nach­zu­fra­gen, ob sich der Wider­spruch gegen das gan­ze Trak­tan­dum rich­te. Soll­te dies der Fall sein, ist die Ver­hand­lung ohne das strit­ti­ge Trak­tan­dum abzu­hal­ten (dazu oben N. 22). Zieht der Aktio­när sei­nen Wider­spruch zurück, ist die Uni­ver­sal­ver­samm­lung ohne Wei­te­res fort­zu­füh­ren. Hält der Aktio­när oder Ver­tre­ter dem­ge­gen­über (unzu­läs­si­ger­wei­se) an sei­nem Wider­spruch gegen einen ein­zel­nen Antrag fest, ist die Erklä­rung als Wider­spruch gegen das gesam­te Trak­tan­dum zu inter­pre­tie­ren.[67]OFK-Akti­en­recht Frick/Stäheli, N. 3 zu Art. 701 OR. Ent­spre­chend ist die Ver­hand­lung ohne die­sen Gegen­stand durch­zu­füh­ren. In sol­chen Situa­ti­on ist zu emp­feh­len, die ein­zel­nen Aus­sa­gen (wört­lich) zu Pro­to­koll zu nehmen.

VI. Ausblick auf das revidierte Aktienrecht

41 Das revi­dier­te Akti­en­recht 2020 ändert an der bis­he­ri­gen Norm von Art. 701 Abs. 1 und 2 OR nichts Inhalt­li­ches. Im Absatz 1 des revi­dier­ten Art. 701 OR fin­det ein­zig eine begriff­li­che Klä­rung statt, indem der Begriff der “Form­vor­schrif­ten” durch “Vor­schrif­ten” ersetzt wird. Das vor der Hin­ter­grund, dass mit der Uni­ver­sal­ver­samm­lung nicht nur von Form­vor­schrif­ten abge­wi­chen wer­den kann, son­dern auch von ande­ren Vor­schrif­ten, etwa bezüg­lich Ein­be­ru­fungs­fris­ten.[68]Bot­schaft 2016, S. 555. Art. 701 Abs. 2 OR wird an die neu vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit der Ver­wen­dung elek­tro­ni­scher Mit­tel ange­passt. “Anwe­send sein” wird des­halb durch den Begriff “teil­neh­men” ersetzt. Damit wird zum Aus­druck gebracht, dass eine phy­si­sche Prä­senz des Aktio­närs oder sei­nes Ver­tre­ters nicht zwin­gend erfor­der­lich ist.[69]Bot­schaft 2016, S. 555.

42 Neu ist hin­ge­gen der Absatz 3 von Art. 701 OR. Unter dem gel­ten­den Recht gibt es kei­ne Mög­lich­keit, eine Gene­ral­ver­samm­lung unter Abwe­sen­den durch­zu­füh­ren, Zirkular­beschlüsse sind unzu­läs­sig.[70]BGE 128 III 142 E. 3b S. 145; Böck­li, § 12 N. 52. Im neu­en Akti­en­recht wird mehr Gestal­tungs­spiel­raum gewährt. In Art. 701 Abs. 3 revOR ist vor­ge­se­hen, dass die Beschlüs­se der Gene­ral­ver­samm­lung auch auf schrift­li­chem Weg (auf Papier) oder elek­tro­nisch erfol­gen kön­nen. Für die­se Art der Beschluss­fas­sung müs­sen sämt­li­che Aktio­nä­re oder Ver­tre­ter ihre Zustim­mung ertei­len.[71]Bot­schaft 2016, S. 555.


Literaturverzeichnis

Bot­schaft zur Ände­rung des Obli­ga­tio­nen­rechts (Akti­en­recht) vom 23. Novem­ber 2016, BBl 2017 S. 399 ff., abruf­bar unter https://www.admin.ch/opc/de/federal-gazette/2017/399.pdf.

Böck­li Peter, Schwei­zer Akti­en­recht, 4. Aufl., Zürich / Basel / Genf 2009.

Bür­gi F. Wolf­hart, Zür­cher Kom­men­tar, Band V/5b/2, Zürich 1969.

Dubs Die­ter / Truf­fer Roland, in: Hon­sell Hein­rich / Vogt Nedim Peter / Wat­ter Rolf (Hrsg.), Bas­ler Kom­men­tar, Obli­ga­tio­nen­recht II, 5. Aufl., Basel 2016.

Forst­mo­ser Peter / Mei­er-Hay­oz Arthur / Nobel Peter, Schwei­ze­ri­sches Akti­en­recht, Bern 1996.

Frick Bru­no / Stä­he­li Tho­mas, in: Wib­mer Jean­net­te K. (Hrsg.), Akti­en­recht – Kom­men­tar, Zürich 2016.

Mei­er-Hay­oz Arthur / Forst­mo­ser Peter / Set­he Rolf, Schwei­ze­ri­sches Gesellschafts­recht, 12. Aufl., Bern 2018.

Peter Hen­ry / Cava­di­ni Fran­ce­s­ca, in: Ter­cier Pierre / Amstutz Marc / Tri­go Trindade Rita (Hrsg.), Com­men­taire Romand, Code des Obli­ga­ti­ons II, 2. Aufl., Basel 2017.

Stu­der Chris­toph D., Die Ein­be­ru­fung der Gene­ral­ver­samm­lung der Akti­en­ge­sell­schaft, Diss., Bern 1995.

Tan­ner Bri­git­te, in: Hand­schin Lukas (Hrsg.), Zür­cher Kom­men­tar, Art. 698 – 726 und Art. 731b OR, 3. Aufl., Zürich / Basel / Genf 2018 (zitiert: ZK-Tanner).

die­sel­be, in: Rober­to Vito / Trüeb Hans Rudolf (Hrsg.), Hand­kom­men­tar zum Schwei­ze­ri­schen Pri­vat­recht, Per­so­nen­ge­sell­schaf­ten und Akti­en­ge­sell­schaft / Ver­gü­tungs­ver­ord­nung, 3. Aufl., Zürich / Basel / Genf 2016 (zitiert: CHK-Tanner).

Von der Cro­ne Hans Cas­par, Akti­en­recht, 2. Aufl., Bern 2020, eben­falls abruf­bar unter: https://www.aktienrechtweb.ch.

Von Stei­ger Fritz, Die sog. Uni­ver­sal­ver­samm­lung der Aktio­nä­re, SAG 12 (1939/1940), S. 193 ff.

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FAQ

Wie fol­gen­den, häu­fig gestell­ten Fra­gen sind nicht Teil des wis­sen­schaft­li­chen Kom­men­tars zu Art. 701 OR. Die Fra­gen hel­fen Goog­le den Inhalt des Kom­men­tars bes­ser zu ver­ste­hen (sie­he hier).

Was ist eine Universalversammlung?

Eine Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist eine Gene­ral­ver­samm­lung, an der sämt­li­che Aktio­nä­re der Gesell­schaft (oder deren Ver­tre­ter) wider­spruchs­frei anwe­send sind. 

Was sind die Voraussetzungen einer Universalversammlung?

Für eine gül­ti­ge Uni­ver­sal­ver­samm­lung ist nach Art. 701 Abs. 1 OR zwei­er­lei not­wen­dig: (1) Alle Aktio­nä­re der Gesell­schaft sind fort­lau­fend anwe­send bzw. rechts­gül­tig ver­tre­ten. (2) Kein Aktio­när bzw. kein Ver­tre­ter erhebt Wider­spruch gegen die Durch­füh­rung der Universalversammlung.

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Quel­len

Quel­len
1 Von der Cro­ne, Rz. 1018.
2 ZK-Tan­ner, N. 1 zu Art. 701 OR.
3 Duden, Stich­wort “uni­ver­sal
4 ZK-Tan­ner, N. 43 zu Art. 701 OR.
5 Von der Cro­ne, Rz. 1017.
6 ZK-Bür­gi, N. 3 zu Art. 701 OR.
7 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 1 zu Art. 701 OR.
8 ZK-Tan­ner, N. 1 zu Art. 701 OR.
9 Vgl. Von Stei­ger, S. 193.
10 Stu­der, S. 142.
11 Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 6.
12 ZK-Tan­ner, N. 3 zu Art. 701 OR.
13 CR-Peter/­Ca­va­di­ni, N. 1 zu Art. 701 OR.
14 Dazu: BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3b zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 57.
15 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR.
16 BGE 120 IV 199 E. 1.
17 CR-Peter/­Ca­va­di­ni, N. 3a zu Art. 701 OR.
18 Böck­li, § 12 N. 55.
19 ZK-Tan­ner, N. 46 zu Art. 701 OR. 
20 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR.
21 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR.
22 Böck­li, § 12 N. 54.
23 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 54.
24 ZK-Tan­ner, N. 40 zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 54.
25 ZK-Bür­gi, N. 6 zu Art. 701 OR.
26 ZK-Tan­ner, N. 8 zu Art. 701 OR.
27 CHK-Tan­ner, N. 2 zu Art. 701 OR.
28 ZK-Tan­ner, N. 10 zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 5 zu Art. 701 OR.
29 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 5 zu Art. 701 OR.
30 ZK-Tan­ner, N. 10a zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 1 zu Art. 701 OR.
31 Böck­li, § 12 N. 54a.
32 Bot­schaft 2016, S. 562 f.
33 CHK-Tan­ner, N. 3 zu Art. 701 OR.
34 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR.
35 ZK-Tan­ner, N. 27 zu Art. 701 OR.
36 ZK-Tan­ner, N. 21 ff. zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR; Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 6. Ande­rer Mei­nung: Böck­li, § 12 N. 53.
37 Von der Cro­ne, Rz. 1021.
38 ZK-Tan­ner, N. 24 zu Art. 701 OR.
39 ZK-Tan­ner, N. 22 zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR.
40 Von der Cro­ne, Rz. 1022.
41 Von der Cro­ne, Rz. 1022.
42 ZK-Tan­ner, N. 32 zu Art. 701 OR; BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3 zu Art. 701 OR.
43 ZK-Bür­gi, N. 11 zu Art. 701 OR.
44 CHK-Tan­ner, N. 4 zu Art. 701 OR.
45 Von der Cro­ne, Rz. 1022.
46 Von der Cro­ne, Rz. 1023.
47 ZK-Bür­gi, N. 4 zu Art. 701 OR.
48 CR-Peter/­Ca­va­di­ni, N. 6 zu Art. 701 OR. Zu neu­en Trak­tan­den bei Ver­tre­tung vgl. ZK-Tan­ner, N. 48 ff. zu Art. 701 OR.
49 Urteil 2C_115/2007 vom 11. Febru­ar 2008 E. 5.2; Böck­li, § 12 N. 53.
50 BGE 120 IV 199 E. 1; Urteil 6B_300/2016 vom 7. Novem­ber 2016 E. 4.4.2; Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 5. 
51 BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 1 zu Art. 701 OR.
52 Mei­er-Hay­o­z/­Forst­mo­ser/S­e­the, § 16 N. 484.
53 ZK-Tan­ner, N. 6 zu Art. 701 OR; Stu­der, S. 142 f.
54 Von der Cro­ne, Rz. 1019; ZK-Tan­ner, N. 3 und N. 13 zu Art. 701 OR.
55 BGE 137 III 460 E. 3.3.2. Gl.M. ZK-Tan­ner, N. 7 und N. 68 ff. zu Art. 701 OR; Böck­li, § 12 N. 54; Forst­mo­ser/­Mei­er-Hay­o­z/­No­bel, § 23 N. 6. Dif­fe­ren­zie­rend: BSK-Dub­s/T­ruf­fer, N. 3a zu Art. 701 OR.
56 BGE 137 III 460 E. 3.3.2; ZK-Tan­ner, N. 7 zu Art. 701 OR.
57 Dazu: Urteil 4A_98/2020 vom 21. Janu­ar 2021 E. 3.3.4.2, zur Publ. vorgesehen.
58 BGE 115 II 468 E. 3b; Urteil 4A_131/2007 vom 11. Janu­ar 2008 E. 2.1.
59 Urteil 4A_282/2020 vom 5. August 2020 E. 2.1.
60 Dazu all­ge­mein: Urteil 4A_20/2020 vom 26. Febru­ar 2020 E. 5.3.1.
61 Vgl. BGE 137 III 460 E. 3.3.2 S. 466.
62 ZK-Tan­ner, N. 9 zu Art. 701 OR.
63 Von der Cro­ne, Rz. 1019.
64 Von der Cro­ne, Rz. 1019.
65 ZK-Tan­ner, N. 53 zu Art. 701 OR. Ein Mus­ter­pro­to­koll einer Gene­ral­ver­samm­lung kann etwa auf der Sei­te des Han­dels­re­gis­ters des Kan­tons Zürich abge­ru­fen werden
66 Von Stei­ger, S. 195.
67 OFK-Akti­en­recht Frick/Stäheli, N. 3 zu Art. 701 OR.
68 Bot­schaft 2016, S. 555.
69 Bot­schaft 2016, S. 555.
70 BGE 128 III 142 E. 3b S. 145; Böck­li, § 12 N. 52.
71 Bot­schaft 2016, S. 555.